Die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Gindorf e.V. von 1671

Eine Einführung in die Geschichte unserer Bruderschaft

Historie

In den Kriegszeiten der vorigen Jahrhunderte wurden die Schützen der örtlichen Bruderschaften aufgeboten zur Bewachung der Landwehren, der Burgen und zur Ergreifung umherstreifender Söldner. In Friedenszeiten hatten sie die Funktion einer Art Landespolizei auf großen Märkten. Sie wurden auch eingesetzt zur Bewachung von Feld und Flur sowie zur Ergreifung von Diebes- und Räuberbanden. Der jeweilige Amtsmann befehligte die Schützen. Die Ausbildung übernahmen die örtlichen Schützengesellschaften. Diese standen meist unter dem Schutz des hl. Sebastian, der als Befehlshaber der kaiserlichen Leibgarde am 20.01.288 der Martertot erlitt. Bereits 1444 ist der Gustorfer Schützenaltar vorhanden. Dieser Altar der Bruderschaft war auch in Gustorf mit einer Vikarie verbunden, zu dem die Brüder den Priester selbst ernannten. In den Wirren des dreißigjährigen Krieges blieb auch die Pfarre Gustorf nicht verschont. Die Bruderschaft ging, wie vieler Orts, auch hier zu Grunde. Der damalige Gustorfer Pastor Vinken berichtet in einem alten Kirchenbuch über diese Kriegswirren. So schreibt er unter anderem, dass die Truppen der Hannoveraner besonders das Pastorat übel zugerichtet hätten. Alle Briefschaften und sonstigen Unterlagen, die zum Pastorat gehörten, seien vernichtet worden. Der Pastor selbst beklagt sich in diesem Buch auch über eine sehr schlechte Behandlung seiner eigenen Person. Nach dem 30-jährigen Krieg waren Neugründungen von Bruderschaften unterschiedlichster Prägung keine Seltenheit. Die Wiederbegründung der St. Sebastianus Bruderschaft Gustorf erfolgte im Jahre 1671. Die Sebastianus-Bruderschaft wurde – so die spärlichen Überlieferungen – in der Hoffnung neuer Stiftungen wieder errichtet und sollte der „Förderung christlicher Liebe im Leben und Hülfeund Fürbitte nach dem Tod“ sein. Im Jahre 1675 wurde die Sebastianusvikarie erneuert, mit eigenem Vermögen, Altar und eigenem Priester. Im Jahre 1687 wurde in der Pfarre Gustorf unter Pastor Goebels durch die Jesuitenväter die Todangst-Bruderschaft eingeführt. Daneben gab es in der Pfarre die Bruderschaften vom Herzen Maria, vom hl. Erzengel Michael, des Gebetsapostolats und des lebendigen Rosenkranzes.

Die Geschichte der Bruderschaft Gindorf

Trotz intensiver Nachforschungen aus Anlass des 325-jährigen Jubiläums der Bruderschaft Gindorf im Jahr 1996 kann die heute mehr als 330 Jahre Bruderschaft zwar nachgewiesen, eine lückenlose Dokumentation das Zeitgeschehen aber nicht vollends beschreiben.

Die Statuten

Die Statuten von 1671 liegen leider nicht mehr vor. Aus Abschriften und Wiederholungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts (etwa um 1720) ist aber der Geist des auslaufenden 17. Jahrhunderts erkennbar. Dem aufmerksamen Leser wird hier nicht entgehen, das hier von der Bruderschaft Gustorf geschrieben ist. In den alten Unterlagen geschieht dies bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, womit zweifelsfrei nicht die gesamte Pfarre gemeint ist. Zur Verdeutlichung an dieser Stelle folgende Erklärung. Der Ortsname Gindorf stammt erst aus dem 18. Jahrhundert. Vorher nannten sich die Bewohner beider Ortsteile entweder nur nach dem einen Ortsteil "Goesdorper" (so die Gindorfer niederadelige Familie von Schilling, die als Schillinck van Goesdorp siegelte) oder, falls eine Unterscheidung notwendig war, Kirchgoesdorp, Kirchdorf (für Gustorf), Gengustorp, Gendorp, Gingustorp (nur Gindorf). Daher ist bei der Neugründung im Jahre 1671 der Name Gustorf, bzw. Goesdorp kein Übertragungsfehler.Bemerkenswert ist weiter, dass bei den damaligen Recherchen kein Hinweis auf eine "Schützenbruderschaft" gefunden wurde, sondern in allen Unterlagen nur von der "Bruderschaft" berichtet wird. Da aber in den Statuten Schießwettbewerbe und das Amt des Königs breiten Raum finden, muss von einer ungewollten Nachlässigkeit der Verfasser ausgegangen werden.

Sebastianus und Fronleichnam

Das Hauptfest der Bruderschaft war das Bruderschaftsbegängnis am Sebastianustag, dem 20. Januar. An diesem Tag versammelten sich alle Brüder zum Hochamt. Nach der Predigt wurden die Namen der verstorbenen Brüder und Wohltäter verlesen und für sie gebetet. Eine besondere Ehre sah die Gindorfer Bruderschaft von jeher in der Begleitung des Allerheiligsten am Fronleichnamsfest. Die Brüder zogen dann in Wehr und Waffen, um 1600 in Helm, Harnisch und Bogen dem eucharistischen Heiland voran. In ihrer Mitte trugen sie das Bild des hl. Sebastianus. Dem voran zog die Fahne. Hinter der Fahne ging der Bruderkönig in seinem herrlichen Silberschmuck.

Mitglied der Bruderschaft

Mitglied der Bruderschaft konnten nur werden und bleiben, wer Angehöriger der Pfarre war und einen guten Ruf besaß. Auf einen ehrenvollen Namen wurde damals der größte Wert gelegt. Die Aufnahme konnte schon im Kindesalter erfolgen, der Genuss der Rechte trat aber erst ein, wenn jemand auch seine Bruderpflichten erfüllen konnte. So musste jeder Bruder beim Gottesdienst am Sebastianustag zugegen sein. Auch bei der Fronleichnamsprozession war jedes Bruderschaftsmitglied zur Teilnahme verpflichtet. Das Recht der Brüder bestand unter anderem in der Teilnahme am Vogelschuss. Den ersten Schuss gab der Präses ab, den zweiten der Bruderkönig des letzten Jahres und der dritte Schuss war dem Brudermeister vorbehalten. Danach kamen die Bruderschaftsmitglieder an die Reihe. Wer den Vogel abschoss war Bruderkönig. Dies zu werden, war stets die höchste Auszeichnung für ein Bruderschaftsmitglied. Ihn schmückte das Königssilber und er erhielt besondere Zuwendungen. Weitere Rechte der Brüder bestanden im Genuss des Frei- oder Bruderbieres, sowie in einem ehrenvollen Begräbnis. Hier begleiteten alle Bruderschaftsmitglieder den verstorbenen Mitbruder mit einer Trauerfahne zu Grabe. Wie ernst es mit diesen Rechten und Pflichten innerhalb der Bruderschaft genommen wurde, ist ersichtlich aus deren wiederholter Festschreibung in den neu erstellten Statuten der Bruderschaft  vom 03.05.1865.

Die Zeit der Weltkriege

Nach dem ersten Weltkrieg war das linke Rheinufer in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Pfarre Gustorf war Teil der französischen Zone. Es herrschte eine Ausgangssperre von 20.00 Uhr abends bis 05.00 Uhr morgens. Die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft als kirchlicher Verein hatte zwar äußerlich geruht, aber in geistig religiöser Hinsicht ihre Pflichten erfüllt. Mit Erlaubnis der französischen Besatzungsmacht durfte dann 1920 das erste Nachkriegs-"Broer-Fest"(Bruderschaftsfest) gefeiert werden. Noch wurde der König gewählt, der Spielmannszug bestand aus den Herren Weirauch und Eckstein mit Trommel und Pfeife im Sonntagsanzug. Im Jahre 1921 feierte die Bruderschaft ihr 250-jähriges Jubiläum. Dies war damals ein großes Ereignis für das ganze Dorf. Es wurde ein historischer Festzug abgehalten. Zu sehen waren unter anderem Germanen, Römer, Kreuzritter und Uniformen aus dem 17. und 18 Jahrhundert. Der damalige Brudermeister Josef Coenen konnte zum Jubiläumsfest viele Gastvereine in einem Großzelt auf der Wiese vom Schillingshof begrüßen. Von der Bruderschaft wurden im Jahre 1926 für zwei Züge Uniformen angeschafft. Hierzu kaufte die Bruderschaft abgetragene englische Militärröcke. Sie wurden hell- bzw. dunkelgrün eingefärbt. Der Schneider Johann Hansen paspelierte sie und brachte sie dann auf Maß.  Als Leihgebühr für eine Uniform wurden zwei Reichsmark an die Bruderschaft gezahlt. Ab 1933 begann für die St.-Sebastianus-Bruderschaft eine schwere Zeit. Repressalien und nicht erfüllbare Auflagen seitens der neuen Regierung zwangen ab 1934 die Bruderschaft zur Einstellung ihres öffentlichen Auftretens. Es begann für alle Mitglieder eine schwere und leidvolle Zeit, in der viele Bewohner der Pfarrgemeinde ihr Leben lassen mussten für die wahnwitzige Idee eines Einzelnen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren jegliche Art von Auf- und Umzügen durch die Besatzungsmacht verboten. Um die St.-Sebastianus-Bruderschaft wieder mit Leben zu erfüllen, wurde am Bruderschaftstag im Juli 1946 im Gasthof Seulen ein Tanzvergnügen abgehalten. Nach der Lockerung des Besatzungsstatuts wurde im Juli 1947 wieder zum ersten Mal ein "Broer-Fest" veranstaltet. Es marschierte ein Regiment ohne Waffen. Die Festlichkeiten wurden in den Räumen der Gaststätten "Seulen" und "Julius" veranstaltet. Wegen des Waffenverbotes wurden die jeweiligen Schützenkönige von der Vollversammlung gewählt. Die Wahl zum ersten Schützenkönig nach dem zweiten Weltkrieg fiel auf das Bruderschaftsmitglied Franz Meger mit seiner Gattin Maria.

Die Nachkriegszeit

Es begannen die Jahre des neuerlichen Aufbau`s der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft in Gindorf. 1950 wurde erstmals wieder zum "Broer-Fest" am zweiten Juliwochenende ein Festzelt aufgestellt. Die Mitgliederzahlen stiegen wieder an. Im Januar 1952 beschloss die Vollversammlung, den alljährlichen Höhepunkt des Bruderschaftsjahres, das "Broer-Fest" um den Dienstag, als vierten Festtag, zu verlängern. Dieser Tag ist seit dem als Krönungstag in der Geschichte der Bruderschaft verankert. Auch über die Ortsgrenzen hinaus wurden die Gindorfer Sebastianer wieder aktiv. So nahm eine Abordnungen der Bruderschaft 1956 am ersten Bundesköniginnentag des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften teil. Des weiteren fuhren 15 Personen zum Katholikentag nach Köln und im gleichen Jahr 37 Bruderschaftsmitglieder zum Bundeskönigschießen nach Mönchengladbach.

Das 300-jährige Jubiläum

Ausgehend von 1671 konnte die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Gindorf im Jahr 1971 die Feierlichkeiten zum 300-jährigen Jubiläum begehen. Unter Berücksichtigung der Historie traten die Schützen unter Beteiligung alle Mitgliedsbruderschaften des Bezirksverbandes Grevenbroich in historischen Uniformen aus den verschiedenen Jahrhunderten auf. Der große Festzug wurde angeführt durch die Mitglieder des Bundesverbandes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften, allen voran der damalige Hochmeister Graf Spee sowie die Fürstin Cecilie zu Salm-Reifferscheidt. Viele Veranstaltungen im Laufe eines Bruderschaftsjahres tragen seit dem mit dazu bei, den Kameradschaftsgeist und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder untereinander im Sinne der Zielsetzungen des Bundesverbandes zu fördern und zu festigen. Aus Anlass des 850-jähhrigen Jubiläums der Pfarrgemeinde stiftete Pfarrer Harrie de Zwart, als Präses der örtlichen Bruderschaft, im Jahr 1980 einen Wanderpokal. Dieser wird jedes Jahr unter den noch lebenden Schützenkönigen der Bruderschaft ausgeschossen. Außerdem richtet das Offizierskorps seit 1978 alljährlich, zur Einstimmung auf das "Broer-Fest" ein Schützenbiwak aus, das sich besonders in den letzten Jahren eines überaus regen Zuspruchs erfreut.

Das Gindorfer Heiligenhäuschen

Die örtliche Bruderschaft ist seit Alters her besonders bemüht um die Pflege des Gindorfer Heiligenhäuschens. Vielen Gindorfern und Gustorfern ist das alte Heiligenhäuschen am westlichen Dorfrand, auf dem Weg nach Sankt Leonard gelegen, noch als Stätte des Gebetes und der Andacht  in guter Erinnerung. Unter Pfarrer Heyden wurde es dort zu Beginn dieses Jahrhunderts errichtet, musste jedoch im Jahres 1953 dem fortschreitenden Braunkohletagebau weichen. An dieser Stelle war schon im Jahr 1686 unter Pfarrer Enk ein Heiligenhäuschen errichtet und 1839 neu aufgebaut worden. In alten Geschichten heißt es, dass an dieser Stelle im Jülich-Clevischen Erbfolgekrieg 1610, als das Korps des Prinzen von Oranien in Gustorf lagerte, 70 Menschen bei der Explosion von zwei Pulverwagen ums Leben gekommen sind. Im Jahre 1954 wurde in Gindorf auf einer Parzelle, die von Witwe Gräfin von Mirbach-Harff käuflich erworben wurde (an der heutigen Grubenstraße) das Heiligenhäuschen neu erbaut. Eine Gruppe Gindorfer Frauen, unterstützt durch Mitglieder der örtlichen Bruderschaft haben sich über Jahrzehnte hinweg die Pflege des Heiligenhäuschens zur Aufgabe gemacht. Aufgrund der immer öfter auftretenden Beschädigungen, die der Andachtsstätte seitens der dortigen Anwohner zugefügt wurden, entschloss sich die Gindorfer Bruderschaft 1986 zur Neuerrichtung des Heiligenhäuschens auf dem städtischen Grundstück an der Eschenstraße, Ecke Südstraße. Dank der Unterstützung durch der Kirchengemeinde und der Stadtverwaltung konnte die Bruderschaft dort in Eigenleistung binnen kürzester Zeit eine wunderschöne Kapelle errichten. Seit 1987 veranstalten die Mitglieder des 5. Jägerzuges „Treu zur Heimat“ alljährlich ein Kapellenfest. Die  Erlöse dieser Feste ermöglichten unter anderem die Restauration einer wunderschönen, Jahrhunderte alten Heiligengruppe, bestehend aus dem heiligen Sebastian, der Muttergottes und dem heiligen Leonard.

Das 325-jährige Jubiläum

1996 feierte die Gindorfer Bruderschaft ihr 325-jähriges Vereinsjubiläum. Über Jahre hinweg vom Vorstand gemeinsam mit den Zugführern und einigen interessierten Bruderschaftsmitgliedern vorbereitet, war das Jubiläums-„Broer-Fest“ eine beeindruckende Demonstration schützenfestlichen Brauchtums innerhalb der Pfarre und der, dem Bezirksverband Grevenbroich angehörenden Bruderschaften. Für ein herausragendes Schützenjahr in Gindorf sorgte 2001 Ortspfarrer, Präses und Bezirkspräses Harrie de Zwart, der in diesem Jahr die Gindorfer Bruderschaft als Schützenkönig repräsentierte. Von diesem denkwürdigen Ereignis zeugt ein Silberwappen des kirchlichen Regenten, das heute die Mitte des Gindorfer Königssilbers schmückt.   

Der Luftgewehrschießstand

Mitte 2002 begannen die ersten planerischen Arbeiten zur Errichtung eines eigenen Luftgewehrschießstandes der Bruderschaft in den ehemaligen Umkleidekabinen an der Rückfront des Gindorfer Feuerwehrgerätehauses. Die eigentlichen Umbauarbeiten begannen im März 2003. Bereits nach dreiwöchiger Grobarbeit konnten die Bruderschaftsmitglieder aus den verschiedenen Zuggemeinschaften mit dem Innenausbau des Luftgewehrschießstandes beginnen. Dank eines zum Teil großen persönlichen Engagements einiger Bruderschaftsmitglieder konnte der neue Luftgewehrschießstand anläßlich des Sebastianusfestes 2004 offiziell seiner Bestimmung übergeben werden. Auch die Erhaltung und Fortführung alter kirchlicher Traditionen liegen dem heute amtierenden Vorstand der Gindorfer Bruderschaft sehr am Herzen. Sei es nun die Teilnahme an der Fronleichnamsprozession, die Teilnahme an Beerdigungen verstorbener Mitglieder oder die Aufrechterhaltung der Gottesdienste zu den hohen Festen der Bruderschaft im Januar und Juli. Mit der Abberufung von Pater Harrie de Zwart als langjähriger Ortspfarrer (29 Jahre) und Bruderschaftspräses im November des Jahres 2004, kurz vor Vollendung seines 75. Lebensjahres, ist diese Aufgabe für die Verantwortlichen der Bruderschaft in Gindorf nicht einfacher geworden.  Doch bei aller Traurigkeit bis hin zur Verbitterung einzelner um diese Geschehnisse hat dieser Weggang allerdings innerhalb der Pfarre auch dazu geführt, dass man wieder etwas näher zusammengerückt ist. Die Gindorfer St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft ist nach wie vor oder gerade auch deshalb stolz darauf, in den mehr als 335 Jahren ihres Bestehens nicht jedem Zeitgeist nachgelaufen zu sein, sondern die eigenen Wertmaßstäbe, unabhängig von kurzlebiger anderer Meinung gepflegt zu haben. Daran werden auch die Verantwortlichen des im Januar 2008 neugewählten Bruderschaftsvorstand auch in Zukunft festhalten und gemessen werden.

 

   
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